Die Mobilitätswende ist nötig

Interview mit Rolf Neumann und Dr. David Rüdiger, Geschäftsführer der Connected Mobility Düsseldorf GmbH (CMD)



Düsseldorf ist eine gut vernetzte Großstadt in einer der bevölkerungsreichsten Regionen Europas. Rund 640.000 Düsseldorfer*innen, 300.000 Einpendler*innen und viele Touristen bewegen sich täglich auf unseren Straßen. Das sorgt zunehmend für Verkehrsbehinderungen, Staus und schlechte Luftqualität. Eine Mobilitätswende ist also nicht nur sinnvoll, sondern absolut notwendig. Um dieses Ziel zu erreichen, gründete die Landeshauptstadt die Connected Mobility Düsseldorf GmbH (CMD) unter der Leitung der beiden Geschäftsführer Rolf Neumann und Dr. David Rüdiger, die uns im heutigen Interview über ihre Ziele und Visionen berichten.



Was genau macht die CMD?

Rolf Neumann: Als Dienstleister der Stadt entwickeln wir neue Mobilitätskonzepte und setzen diese auch um. Dabei stehen Nutzerfreundlichkeit, Barrierefreiheit, Digitalisierung und natürlich die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. Unser Ziel ist eine moderne Verkehrsinfrastruktur für alle Bürger*innen, als umweltfreundliche Alternative zum eigenen PKW.


David Rüdiger: Wir setzen uns für eine klimafreundliche, effiziente und aktive Mobilität ein. Dazu entwickeln wir neue Mobilitätsangebote, auch in enger Abstimmung mit kommunalen Unternehmen wie die Rheinbahn, der städtischen Wohnungsgesellschaft oder den Stadtwerken.

Unser Schwerpunkt liegt dabei auf der Entwicklung, Planung und Umsetzung eines stadtweiten Netzes von MobilitätStationen, an denen verschiedene umweltfreundliche Fahrzeuge, vom Fahrrad bis zum E-Carsharing, genutzt werden können.

Ein stadtweites Netz von MobilitätStationen bedeutet was?

David Rüdiger: Wir planen insgesamt 100 MobilitätStationen, die den modernen Bedürfnissen der Bürger*innen gerecht werden und einen Mehrwert für alle Bewohner*innen Düsseldorfs liefern sollen. Hierzu haben wir mit den Düsseldorfer Stadtplaner*innen und dem Amt für Verkehrsmanagement Kriterien definiert, welche Art von MobilitätStationen in welchem Umfeld sinnvoll sind. Die ersten acht sind schon weit fortgeschritten, 18 weitere sind bereits in Planung. Natürlich immer im Schulterschluss mit den Bürger*innen, mit denen intensive Dialoge geführt werden.


Rolf Neumann: Vor allem die Anwohner*innen spielen für uns eine zentrale Rolle. So wird beispielsweise bei der flächenmäßig größten MobilitätStation auf dem Bachplätzchen eine 200 Quadratmeter große Freifläche zur freien Verfügung für die Anwohner*innen integriert. Dort können zukünftig Nachbarschaftsflohmärkte oder -feste stattfinden. Alle Standorte der ersten MobilitätStationen wurden unter Beteiligung der Bezirksvertretungen und der lokalen Anwohnerschaft gestaltet. Im Allgemeinen ist die Vorfreude auf die neuen, schönen Orte groß.


Die Düsseldorfer*innen werden also bei den Planungen von MobilitätStationen mit einbezogen?

David Rüdiger: Ja, für jede MobilitätStation werden wir im Vorfeld mindestens einen Bürger*innen-Dialog organisieren, bei dem sich alle mit ihrer Kritik, ihren Vorschlägen und ihren Anregungen in die Diskussion einbringen können. Dort stellen wir den aktuellen Planungsstand der CMD für die jeweilige MobilitätStation vor. Wichtig ist, dass das lediglich die erste und noch nicht die endgültige Planung ist, denn wir arbeiten die Anregungen aus der Bevölkerung in unsere finalen Pläne mit ein.


Rolf Neumann: Wir möchten uns mit dem Format der Bürger*innen-Dialoge in unseren Konzeptionen qualitativ verbessern und aufgrund der Erfahrungen demnächst MobilitätStations-Planungen vorlegen, die den Vorstellungen und Ansprüchen der Bürger*innen sehr nahe kommen. In Zukunft werden wir auch hier die Potentiale der Digitalisierung nutzen. Ein Happy-Mobility-Radar befindet sich im Aufbau.

Der Aufbau der MobilitätStationen ist ja mit Kosten verbunden. Wer kommt für diese Finanzmittel auf?

Rolf Neumann: Die Finanzierung der MobilitätStationen – von der Idee über die Planung bis hin zu Aufbau und Betrieb – wird zu 80 Prozent aus dem Förderprogramm ›Emissionsfreie Innenstadt‹ des Landes Nordrhein-Westfalen gesichert. Wir stellen fest, dass es viele attraktive Fördertöpfe bei der Europäischen Union, dem Bund und vom Land für die Mobilitätswende gibt. Diese werden wir nutzen. So schaffen wir es, den städtischen Haushalt zu entlasten und auch in finanziell schwierigen Zeiten Fortschritt zu erzielen. Was die Landeshauptstadt als sinnvoll für die Mobilitätswende, die Nachhaltigkeit und den Klimaschutz erachtet, setzen wir um.



Wo will die Stadt mit der CMD-Kompetenz denn hin?

David Rüdiger: Es ist das erklärte Ziel der Landeshauptstadt Düsseldorf in wenigen Jahren klimaneutral zu sein und gleichzeitig eine führende Position als Smart City einzunehmen. Mit klugen Ideen und innovativen Partnern wollen wir Mobilitätswende neu denken und experimentell anfassbar machen. Eine Führungsrolle, Smart City zu sein, schafft Standort-Vorteile im regionalen und nationalen Vergleich und sichert Arbeitsplätze. Die CMD organisiert im Thema Mobilität unter anderem den Wissenstransfer zwischen Kommune, Industrie und Investoren. Bereits heute berät sie die Wohnungs- und Bauwirtschaft im Thema Zukunftsmobilität.

Das Besondere dabei ist, die CMD übernimmt ganzheitlich Verantwortung. Sie plant, baut, digitalisiert und betreibt die neuen Lösungen.

Liegen bereits Erfahrungen in Sachen Mobilitätswende vor?

Rolf Neumann: Düsseldorf möchte eine Fahrrad-freundliche Großstadt werden. Verschiedene Projekte werden durch das Mobilitätsdezernat geplant und gesteuert. Das Thema der MobilitätStation ist neu. Düsseldorf ist aber nicht die erste Stadt in Deutschland, die ein stadtweites Konzept für MobilitätStationen entwickelt hat. Hamburg ist für alle so eine Art Vorbild. Die Hanseaten haben früh angefangen, sich mit dem Thema geteilte Mobilität auf vielen Ebenen zu beschäftigen. In Hamburg sind 70 Stationen, die dort hvv-switch-Punkte heißen, bereits realisiert. Auch die Stadt Wien, die bekanntlich über ein gutes Bus- und Bahnnetz verfügt, setzt voll auf das Thema der MobilitätStationen. MobilitätStationen werden in Wien als Quartiersstationen mit hoher Aufenthaltsqualität realisiert. Mit diesen Städten tauschen wir uns aus, nehmen Informationen und Erfahrungen auf und passen das Konzept auf die speziellen Düsseldorfer Verhältnisse an.

Denn Düsseldorf ist auch für Verkehrsplaner*innen etwas Besonderes, weil es sehr dicht bebaut und sehr kompakt strukturiert ist, wodurch viele verschiedene Verkehrsangebote auf knappem Raum koordiniert werden müssen. Dafür braucht man Lösungen und die bieten wir mit der CMD.

David Rüdiger: Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Lösungen in Hamburg und Wien haben auch die Leistungsfähigkeit der geteilten Mobilität aufgezeigt. So hat die TU Hamburg-Harburg ermittelt, dass in einem flächendeckenden Netzwerk ein Carsharing-Fahrzeug das Potential hat, acht private PKW im Mittel zu ersetzen. Das reduziert den Parkdruck, schafft Frei- und Gestaltungsräume für wirklich lebenswerte und lebendige Straßen. Auch dafür haben wir bereits einige Design-Ideen.


Rheinkniebrücke in Düsseldorf

Welche Botschaft senden Düsseldorf und die CMD aus?

David Rüdiger: Die Botschaft ist ganz klar: Wir wollen eine Führungsrolle im Thema der vernetzten und digitalen Mobilität von morgen einnehmen. Dazu haben wir eine Kooperationsvereinbarung mit der Rheinbahn abgeschlossen und führen einen engen Dialog mit dem Verkehrsministerium NRW. Mit unseren Partnern erarbeiten wir die komplexen Themen ›Mobility-as-a-Service‹, ›Mobilitäts-Flatrates‹ und ›Mobilitätswende im Kopf‹. Für uns ist klar, der ÖPNV von morgen wird leistungsstärker, flexibler und attraktiver sein. In Anbetracht der großen Herausforderung des Klimawandels, mit zunehmenden Hitzeperioden und nur schlecht vorhersagbaren Starkregen-Ereignissen, müssen wir Mut und Offenheit mitbringen und unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Das ist manchmal mit Einschränkungen und immer mit Umstellungen der bisherigen Gewohnheiten verbunden. Aber jede*r einzelne kann und sollte etwas tun und seine bisherige Mobilität hinterfragen. Wir stehen in der Verantwortung nachkommender Generationen.


Welche Chancen hat denn eine Mobilitätswende für Düsseldorf?

Rolf Neumann: Düsseldorf hat sich auf den Weg gemacht, aktiv etwas gegen den Klimawandel zu tun. Dafür müssen wir den Verkehr in allen Bereichen optimieren und die Menschen von klimafreundlicher Mobilität überzeugen. Damit spielt Düsseldorf in der Liga von Weltstädten wie Paris, Wien, Barcelona und Kopenhagen.

Die Chance ist, dass wir durch gute Projekte und Produkte viele Bürger*innen dazu bewegen, nachhaltige Verkehrsmittel zu nutzen. Eine aktivere Mobilität ist für die eigene Gesundheit von Vorteil. Eine bessere Nutzung des öffentlichen Raumes trägt zudem entscheidend zur Erhöhung der allgemeinen Lebensqualität und zur Verbesserung der Luftqualität bei.

In wirtschaftlicher Dimension besteht die Chance, dass sich Düsseldorf als moderne, zukunftsorientierte und lebenswerte Stadt profiliert, in der das Leben pulsiert, sich Fachkräfte und Unternehmen wohlfühlen und die Klimaziele gemeinsam erreicht werden.